Abschied ETR 470 - Schweizer Bahnen

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Berichte
Ein prägender Zeitgenosse verschwindet für immer - ETR 470, der Pendolino vom Süden
Eine kleine Hommage an einen Zug, der besser war als man glaubte.
Von Dario Häusermann.

Auf den Namen ETR 470 getauft, entstand im Jahre 1994 einer der ersten ETR 470 im Fiat Ferroviaria Werk Savigliano im Norden von Italien. Die Bezeichnung ETR erhielt er übrigens als Abkürzung für Elettro Treno Rapido. Schnell unterwegs soll man mit ihm sein, und damit das auch in den Kurven möglich ist, wurde er sogar mit einer Neigevorrichtung ausgerüstet für bogenschnelles Fahren. Abgeleitet wurde der Zug vom bereits bestehenden ETR 460 der italienischen Staatsbahnen. Die Unterschiede zu diesem Zug sind im Wesentlichen die Ausrüstung mit zwei Stromsystemen (3 kV Gleichstrom Italien und 15 kV Wechselstrom für die Schweiz und Deutschland) sowie die dazugehörigen unterschiedlichen Zugsicherungssysteme.

ETR 470 oberhalb von Erstfeld auf dem Weg Richtung Zürich.
Im Jahre 1993 gründeten die SBB, die BLS und die Ferrovie dello Stato (FS), Muttergesellschaft der Trenitalia, das Gemeinschaftsunternehmen Cisalpino AG mit Sitz in Muri bei Bern. Diverse solcher Partnerschaften wurden gegründet. Keine stand jedoch in ihrer Laufbahn so oft in den Schlagzeilen wie CISALPINO.  

ETR 470 bei Steinen aus dem Süden herkommend.
Die von FIAT „Ferroviaria“ in den Jahren 1993 bis 1996 gefertigten Triebzüge gingen nach einer nur sehr kurzen Testzeit bereits in den fahrplanmässigen Betrieb über. Die ETR 470 waren für die Schweiz (15 kV 16.67 Hz Wechselstrom mit 1450mm breiter Stromabnehmerwippe), Italien (3000 Volt Gleichstrom) und Deutschland (15 kV 16.67 Hz Wechselstrom mit 1900mm breiter Stromabnehmerwippe) zugelassen.

Kurz nach der Durchfahrt vom Bahnhof Erstfeld aufgenommen.
Gedacht waren die Züge vorzugsweise für den Verkehr Schweiz – Italien. Durch die Kombination mehrerer Stromsysteme, verteilt auf einen gesamten Triebzug, konnte auf zeitraubende Lokwechsel an der Grenze verzichtet werden. Während der Zeit, als die ETR 470 unter CISALPINO verkehrten, wurde sogar auf den fahrplanmässigen Halt in Chiasso verzichtet.

ETR 470 zwischen Waltenschwil und Boswil auf der "Südbahn" im Freiamt.
Am 12.05.2008 verkehrte gemäss meinen Informationen der allererste ETR 470 in seinem „neuen“ CISALPINO-Farbkleid. Diese Nachricht sorgte damals für grosse Aufruhr, da von einer Pinsel-Revision gesprochen wurde. Wobei es sich in Wirklichkeit ja nur um eine Folie handelt. Kurz darauf wurden sämtliche Kompositionen entsprechend umgestaltet.
Das obige Bild zeigt das Design, mit welchem die ETR 470 unter dem Namen CISALPINO noch bis Ende 2009 verkehrten. Nach der Auflösung des Unternehmens und der Aufteilung der Flotte an die SBB und an Trenitalia wurde lediglich das Logo entfernt.
Zu Spitzenzeiten konnten mit der Flotte von neun ETR 470 folgende internationalen Verbindungen abgedeckt werden:

  • Zürich HB–Bellinzona–Milano Centrale–Firenze
  • Zürich HB–Bellinzona–Milano Centrale–Venezia Mestre–Trieste Centrale
  • Genève–Lausanne–Brig–Milano Centrale–Venezia
  • Basel SBB–Bern–Brig–Milano Centrale
  • Stuttgart Hbf–Schaffhausen–Zürich HB–Bellinzona–Milano Centrale

ETR 470 Nr. 9 vor Mendrisio auf der Fahrt nach Milano Centrale. Es zeigt den Zug bei einem seiner letzten Einsätze für die SBB.
Die vier „SBB-ETR 470“ (Nr. 2, 3, 5 und 9) verkehrten bis zum Schluss im oben abgebildeten Erscheinungsbild. Die Zuverlässigkeit und Qualität der an die SBB übergegangenen ETR 470 hat mit dem Unterhalt im Servicestandort Basel stark zugenommen. Dort hat man eigens für diese Flotte ein „Team International“ gegründet, welches sich vollumfänglich um alle Sorgen der Züge kümmerte. Nach zwei Jahren und intensiven Investitionen fuhren die Züge der SBB fast nahezu ohne technische Ausfälle und, abgesehen von betrieblichen Verspätungen, mehrheitlich pünktlich.  Das Team International in Basel steckte viel Herzblut in die exotische Flotte. Nicht zuletzt deshalb wurde dann Mitte 2015 eigens für dieses Team in Basel eine Abschiedsfahrt organisiert, bei welcher aber auch alle anderen Abteilungen, welche mit diesen Zügen um manches graue Haar bereichert wurden, eingeladen waren.

ETR 470 003 auf seiner Abschiedsfahrt mit passender „Pensions-Tafel“.
Anfangs April 2015 stellte die SBB den Betrieb der ETR 470 definitiv ein, da genügend ETR 610 bzw. RABe 503 ausgeliefert waren, um die Leistungen zu erbringen. Der ETR 470 005 wurde bereits Mitte 2014 stillgelegt, da seine Laufleistung erreicht war und eine Mittelleben-Grossrevision nicht mehr finanziert werden wollte. Dieser wurde im Dezember 2014 kalt in Dottikon in der Umspannanlage abgestellt. Die Züge 2 und 3 folgten dann nach ihren letzten fahrplanmässigen Einsätzen im April 2015. Der ETR 470 009 (SBB) wurde zur Bewältigung des Mehrverkehrs an die Weltausstellung in Milano an Trenitalia vermietet.

Zur Freude des Lokpersonals und zum Leid des Zugpersonals verkehren die ETR  470 von Trenitalia noch bis Dezember 2015 weiter zwischen Zürich und Milano Centrale. Zur Freude der Lokführer, weil doch die meisten mit einem lächelnden Auge auf ihre ETR 470-Einsatzzeit zurückblicken. So kam jeder auf seine Art ins Schwitzen, wenn nicht alles rund laufen wollte. Denn jeder hat so viele Stunden auf den Zügen verbracht. Trotzdem sagen manche Lokführer, dass es diese Züge waren, welche die ruhigste und schönste Fahreigenschaft aufwiesen. Und zum Leid des Zugpersonals, welches so oft all die Reklamationen anhören musste, Verspätungs- oder Ausfallmeldungen kommunizieren musste und auch so einige „Evakuationen“ mitmachen musste. Aber selbst von Seite des Zugpersonals hört man viele Stimmen, welche den Zug vermissen werden, weil sie halt einfach gerne auf dem Pendolino aus dem Süden gearbeitet haben.
Mit der Inbetriebnahme des ETCS-Systems auf der Zulaufstrecke zum Gotthardbasistunnel (Brunnen-Erstfeld) mussten auch die ETR 470 TI fit sein für das ETCS. In diesem Zusammenhang fanden anfangs August Testfahrten Zürich-Bern-Zürich (via NBS) statt. So konnte man sicherstellen, dass das seit längerem nicht mehr verwendete ETCS noch funktionstüchtig ist. Darum zeigen sich auf dem obigen Bild zwei ETR 470 TI im Züricher Hauptbahnhof. Links ein ETR 470, der als Spätverbindung EC 24 aus Milano soeben in Zürich angekommen ist. Und rechts der für den Test eingesetzte ETR 470, welcher unmittelbar nach dem Ablichten Richtung Bern ausfahren wird.
In der Umspannanlage in Dottikon warten die Züge auf ihren weiteren Verbleib. Anfänglich zog man einen Verkauf in Betracht. Aus diversen Gründen wurde jedoch im 3. Quartal 2015 entschieden, dass die Züge verschrottet werden. So wurde in Dottikon sämtliches noch für andere Flotten verwendbare Material demontiert und die Züge soweit nötig leer geräumt. In der 2.Klasse vom Zug 470 002 habe ich noch die Bilette gefunden, welche Reisende auf dessen letzter Fahrt zurückliessen. Sie tragen das Datum vom 07.04.2015, der letzte Tag, an dem die SBB in ihrem Namen einen ETR 470 fahrplanmässig einsetzten.
Am 07.11.2015 ging es dann für die Züge 2,3 und 5 auf ihre allerletzte Fahrt, welche sie nach Kaiseraugst führte. Dort werden sie in der Folge durch die Firma Thommen abgebrochen und verwertet. Noch am Anlieferungstag wurde der erste Endwagen von Zug 3 abgetrennt und zur Verschrottung vorbereitet.
Der Endwagen von Zug 3 wartet auf den Abbruch.
Der Abbruchbagger macht mit dem einst stolzen Fahrzeug kurzen Prozess. Mit einem Schubser wird er in die geeignete Position gebracht. Und mit brachialer Gewalt beisst sich die Zange durch Wände und Rahmen. Beide Aufnahmen auf dem Areal der Firma Thommen wurden mit deren Genehmigung realisiert. Es liegt eine schriftliche Freigabe vor, dass ich diese beiden Bilder in meiner Hommage zeigen darf.  
dario@schweizer-bahnen.ch
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